
Public Consultation zu Chromtrioxid: Wer sagt was?
Am 18. Dezember 2026 endete die Public Consultation zur geplanten Beschränkung von Chromtrioxid. Nun stellt sich die zentrale Frage: Wer hat sich wie positioniert – und was bedeutet das für die Zukunft des Stoffes in Europa?
Der Vecco e.V. hat die 251 eingegangenen Stellungnahmen ausgewertet und gibt einen Überblick. Auf den ersten Blick erscheint die Zahl beachtlich. Im Vergleich zur PFAS-Beschränkung mit über 5.000 Kommentaren fällt sie jedoch eher moderat aus.
153 Beiträge stammen von Unternehmen, 58 von Verbänden. Hinzu kommen Stellungnahmen von vier Mitgliedstaaten sowie vier nationalen Organisationen. Die Mehrheit der Kommentare unterstützt im Kern die Positionen der Industrie.
Entscheidend sind jedoch die Wortmeldungen der Mitgliedstaaten, denn sie werden am Ende politisch über den weiteren Weg entscheiden. Geäußert haben sich Deutschland, Schweden, Norwegen und Belgien. Da die deutsche BAuA als Rapporteur des Beschränkungsdossiers fungiert, kommt der deutschen Stellungnahme besonderes Gewicht zu. Gleichzeitig ist festzuhalten: 23 Mitgliedstaaten haben sich nicht geäußert. Die aktuelle Debatte basiert somit auf einem begrenzten Ausschnitt und ist noch kein abschließendes Meinungsbild der Mitgliedsstaaten.
Gemeinsamer Nenner: Strengere Regulierung
Die vier Staaten eint eine klare Tendenz zu einer strengeren Regulierung von Chromtrioxid – wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Ein zentraler Kritikpunkt ist der vorgeschlagene wissenschaftliche Grenzwert für R01, bzw. der europäische Arbeitsplatzgrenzwert (BOEL) von 5 µg/m³. Belgien, Deutschland und Schweden halten diesen Wert für zu hoch und plädieren für eine Absenkung auf 1 µg/m³ oder darunter – verbunden mit einer europaweiten Harmonisierung.
Norwegen setzt den Fokus weniger auf Arbeitsplatzgrenzwerte, sondern auf Emissionen und fordert eine stufenweise Verschärfung bis hin zu einem Risikoniveau von 10⁻⁶. Selbst Schweden räumt ein, dass die vorgeschlagenen absoluten Emissionsmengen (kg-werte) insbesondere größere Standorte vor Herausforderungen stellen könnten.
Das eigentliche beunruhigende Thema ist jedoch die Substitution. Alle vier Mitgliedstaaten messen ihr zentrale Bedeutung bei. Deutschland kritisiert fehlende Anreize im rein risikobasierten Ansatz. Belgien und Norwegen fordern explizite Substitutionsmechanismen und -pläne. Norwegen verweist dabei auf das „Essential Use Concept“ der EU-Kommission und bringt perspektivisch sogar einen vollständigen Phase-out ins Spiel.
Autorisierung durch die Hintertür?
Besonders weitreichend ist der schwedische Vorschlag, die Beschränkung funktionsorientiert am Endprodukt auszurichten, um die Analyse von Alternativen (AoA) besser bewerten zu können. In Kombination mit der Forderung, Nebenbestimmungen aus bestehenden Autorisierungen zu übernehmen, entsteht das Bild der Autorisierung durch die Hintertür.
Die Beschränkung würde sich faktisch dem Autorisierungssystem annähern – jenem System, dessen hoher bürokratischer Aufwand zuletzt massiv kritisiert wurde.
Die Frage steht im Raum: Wird hier ein gescheitertes System überwunden – oder der gleiche Kardinalsfehler noch einmal gemacht?
Zur Begründung der schwedischen Position wird auf den „Competitiveness Compass“ der EU verwiesen, der auf dem Draghi-Report basiert und unter anderem den Clean Industrial Deal sowie einen Chemical Action Plan vorsieht. Gleichzeitig nennt der Compass ausdrücklich das Ziel der „Simplification“ – also Vereinfachung und Entbürokratisierung.
Die Stoßrichtung der vorliegenden Stellungnahmen wirkt hingegen anders:
Strengere Grenzwerte, verbindliche Substitutionspläne, zusätzliche Risikomanagementmaß-nahmen, erweiterte Berichtspflichten und mehr Verbote. Das heißt für uns mehr Regulierung statt weniger.
Dekorative Anwendungen weiter im Feuer
Eine weitere gemeinsame Position in den Kommentaren ist die kritische Haltung gegenüber rein dekorativen Anwendungen. Alle vier Mitgliedstaaten sprechen sich hier für eine restriktive Linie aus. Während der „Lippenstift“ lange als Symbolbeispiel diente, werden inzwischen Shampoodeckel und Kaffeemaschinen in den Kommentaren angeführt. Allerdings spricht Norwegen in seinem Kommentar explizit auch von Badezimmerarmaturen und trifft damit einen sensiblen Punkt. Denn längst ist auf der politischen Bühne in Brüssel angekommen, dass diese dekorativen Anwendungen auch funktionale Eigenschaften haben. Die Chemical Watch berichtet im Januar von einer Initiative von fünf Mitgliedern des europäischen Parlaments, die für die Sanitärindustrie eine Ausnahme von der Beschränkung fordern. Eben weil Sie neben funktionalen Eigenschaften auch eine erhebliche Wirtschaftsleistung in Europa darstellen.
Wie passen dann solche Kommentare in das Bild?
Überhaupt findet man in den Kommentaren kaum einen Ansatz, wie die kränkelnde europäische Wirtschaft entlastet werden kann. Immerhin fordert Schweden eine längere Übergangsfrist für Anwendungen in der Luftfahrt und Verteidigung wie 18 Monate.
Vor der aktuellen Sicherheitsarchitektur unseres Kontinents erscheinen diese 18 Monate jedoch eher wie ein schlechter Scherz.
Der Competitivness Compass der EU ist definitiv an mehreren Stellen „On fire“
Vecco Vorstand