Vorstandskommentar Matthias Enseling
Public Consultation Cr(VI)

2 × 3 = 4
Kennen Sie das noch?
So hat sich schon vor langer Zeit ein kleines Mädchen mit roten Zöpfen die Welt bunt und schön gerechnet.
In den letzten Monaten habe ich die Diskussion über die Beschränkung von Cr(VI) auf verschiedenen Ebenen verfolgt.
Zum RAC (Committee for Risk Assessment) möchte ich eigentlich gar nicht viel sagen. Der RAC ist eben der RAC. Die Mitglieder dieses Komitees kommen aus der Welt der Überwachung und Regulierung – eine Welt, die viele Galvaniken als Störfallbetriebe nur allzu gut kennen. Dort steht das Risiko im Mittelpunkt. Und weniger SVHC-Substanzen bedeuten aus dieser Perspektive weniger Risiko in Europa.
Nachdem Vertreter dieses Komitees ernsthaft die Auffassung vertreten, dass heute nahezu alle Beschichtungsunternehmen einen Arbeitsplatzgrenzwert von 0,1 µg/m³ Cr(VI) einhalten können, ruhte die ganze Hoffnung auf dem sozioökonomischen Komitee SEAC (Committee for Socio-economic Analysis).
Zu offensichtlich war die Tatsache, dass die vom RAC diskutierten Modelle und Grenzwerte für die ohnehin kränkelnde europäische Wirtschaft deutlich mehr sozioökonomische Nachteile als Nutzen mit sich bringen würden. Die Zahlen waren bekannt. Das mussten die Mitglieder des Komitees doch genauso sehen. Irgendwann musste doch die wirtschaftliche Vernunft und der gesunde Menschenverstand zum Tragen kommen.
Doch es sollte anders kommen.
Zunächst hat der SEAC alle Kosten, die mit dem sogenannten Non-Use-Szenario „Schließung einer Galvanik“ verbunden sind, deutlich nach unten gerechnet. Und das nicht nur ein wenig, sondern um rund 50 Prozent.
Verstehen Sie mich bitte richtig: Die Zahlen müssen stimmen.
Dennoch hat sich bei mir zunehmend der Eindruck verfestigt, dass bestimmte Modelle bevorzugt werden. Vielleicht liegt es daran, dass ich wahrscheinlich der Einzige im virtuellen Raum war, der jemals persönlich eine Galvanik abgerissen hat. Warum bemerkt sonst niemand, dass Umsätze und Gewinne der nachgelagerten Lieferketten mit einbezogen werden müssen? Warum werden Entsorgungskosten nicht berücksichtigt, die selbst bei kleineren Unternehmen schnell in die Millionen gehen können? Der Abstand in der Kosten-Nutzen-Kalkulation ist am Ende zwar immer noch so eklatant, dass eigentlich nur die Beschränkungsmodelle R01 und A01 sozioökonomisch angemessen erscheinen. Doch bereits die Wortwahl und die stundenlangen Diskussionen über Begriffe wie „likely“ oder „in the short term“ ließen erahnen, dass gedanklich bereits Brücken für andere Szenarien gebaut werden. Brücken für diejenigen, die am Ende die politische Entscheidung treffen. Denn genau darum geht es letztlich: Es ist eine politische Entscheidung, welche Art von Wirtschaft wir künftig in Europa haben möchten. Das gilt für Cr(VI) ebenso wie für PFAS. Schlüsseltechnologien und ihre Lieferketten scheinen dabei offensichtlich nicht die höchste Priorität zu genießen. Oder es gibt einen Plan für die Wirtschaft von morgen, den ich nicht kenne?
Ein Beispiel:
Selbst beim Verteidigungssektor kennt der RAC keine Gnade. Während der SEAC in seinen Kommentaren zur Beschränkung von Cr(VI) für den Verteidigungssektor einen „serious impact on the EU and the member states“ erkennt, kommentiert der RAC lediglich, dass er auch in diesem speziellen Fall die Arbeitsplatzgrenzwerte von R01 und R02 nicht unterstützen wird. Das bedeutet für systemrelevante Bereiche wie die Luftfahrttechnik, in denen Hartchrombeschichtungen auf absehbare Zeit nicht substituiert werden können, einen erheblichen Nachteil für die Eigenständigkeit und Sicherheit unseres Wirtschafts- und Lebensraums.
Können die Menschen in diesen Komitees also nicht rechnen?
Doch, natürlich.
In solche Komitees werden ausschließlich Menschen berufen, die sich auf nationaler Ebene in ihrem Fachgebiet profiliert haben. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Aufgabe außerordentlich komplex ist und ich großen Respekt vor der Arbeit dieser Menschen habe. Ich war beispielsweise überrascht, welches fundierte technische Fachwissen über Hartchrom und PFAS in deutschen Ministerien vorhanden ist.
Die eigentliche Frage lautet daher anders.
Es ist eine politische Entscheidung. Und bei der Dimension der Lieferketten von PFAS und Hartchrom eine Entscheidung mit erheblicher wirtschaftlicher Tragweite. Nicht umsonst gibt es in der Europäischen Union heute Initiativen wie den Industrial Green Deal oder den Chemical Industry Action Plan.
Doch was nützen die schönsten Pläne, wenn die wirtschaftliche Realität eine andere ist?
Täglich schließen Industrieunternehmen ihre Tore. Täglich verlieren Menschen in Schlüsseltechnologien ihren Arbeitsplatz. Man könnte sagen: Das ist der normale Lauf der Marktwirtschaft. Für jede geschlossene Tür öffnet sich eine neue. Doch ich sehe diese neuen Wirtschaftszweige in Europa bislang nicht. Vielleicht fehlt es mir in dieser Frage an Fantasie. Vielleicht fehlt mir das Wissen über andere Marktsegmente. Was ich jedoch sehe, ist eine Wirtschaft, die massiv unter Druck steht. Ich sehe Bürokratie und Regulierung, die immer schwerer beherrschbare Ausmaße annehmen. Ich sehe Mitgliedstaaten, die sich nicht einig sind. Und ich sehe niemanden, der am Ende des Tages bei den Mitgliedern des REACH-Komitees anruft und eine Entscheidung mit Augenmaß trifft.
Betrachten wir die Sache deshalb noch einmal mit den Augen von Frau Langstrumpf und machen uns die Welt von REACH und Cr(VI) wie sie uns gefallen würde:
- Die Autorisierung von Cr(VI) wird 2028 durch eine Beschränkung ersetzt.
- Verfolgt werden nur sozioökonomisch tragfähige Modelle wie R01 oder A01.
- Atemschutzmasken dürfen als Maßnahme zur Risikominimierung eingesetzt werden.
- Zukunftstechnologien werden gezielt in Substitutions-Hubs gefördert.
- Die Regulierungen aus OSH, BREF und REACH werden europaweit harmonisiert.
- Schluss mit sogenannten Free Ridern, die sich an keine Regeln halten.
- Weniger Bürokratie und mehr Freiraum für europäische Ideen und Unternehmen.
Nach mehr als 10 Jahren, die uns dieses Thema mittlerweile beschäftigt, bin ich sehr gespannt, wie diese Geschichte auf der Zielgeraden nun ausgeht.
Matthias Enseling
Vecco