Vorstandskommentar Matthias Enseling

Über 1000% daneben

Das haben wir alle schon einmal erlebt. Wenn man sich seiner Sache ganz sicher ist, dann sagt man schon mal 1.000 %.

Was ist aber wenn diese 1.000 % noch gar nicht genug sind?

So haben wir das gerade wieder bei der Berechnung der sozio-ökonomischen Kosten des SEAC erleben dürfen. Wir waren uns schon sehr sicher, dass die Berechnung des SEAC nicht stimmen kann. Aber dass die Kosten am Ende 40-mal oder eben bei ca. 4.054 % liegen, hätten selbst wir nicht vermutet.

Natürlich wird es Einwände geben. Man kann den Auftraggeber der Studie hinterfragen. Man kann die Größe der Stichprobe diskutieren. Auch auf der anderen Seite wurden vielleicht Kosten nicht betrachtet. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese kritische Auseinandersetzung nicht nur legitim, sondern notwendig.

An der zentralen Botschaft ändert das jedoch nichts:

Die Kosten des Non-Use-Szenarios wurden massiv unterschätzt.

Aber gedanklich möchte ich zunächst noch einmal einen Schritt zurück gehen.

Zur aktuellen Public Consultation zur Beschränkung von Cr(VI) und zu den Aufgaben des SEAC. Der SEAC hat die Aufgabe die definierten Szenarien des Beschränkungsentwurf der ECHA unter sozio-ökonomischen Kriterien zu bewerten. Zu diesem Zweck werden zu allen Szenarien die Kosten der Schließung eines Beschichtungsunternehmens berechnet.

Auf der anderen Seite stehen der Nutzen der Gesellschaft durch geringere Krankheitskosten oder weniger Umweltbelastungen. Im Sprachjargon des SEAC werden die Szenarien mit Etiketten wie „angemessen“, „wohl angemessen“ oder „kurzfristig wohl nicht angemessen“ tituliert. Der Teufel liegt dabei im Detail. Ein kleines Wort macht hier den Unterschied und fällt das regulatorische Urteil über gesamte Wirtschaftszweige in der Europäischen Union.

Wenn also diese Kosten so eine entscheidende Rolle spielen, dann schauen wir da noch einmal genauer hin.

Gemeinsam mit dem renommierten Beratungsunternehmen EPPA aus Brüssel wurden die Auswirkungen von 35 Clusterunternehmen und von 12 Einzelautorisierungen untersucht.

Ein Haufen Arbeit, die sich am Ende aber gelohnt hat.

Berechnet wurde nicht nur der „Lost EBIT“ eines Unternehmens, sondern auch Folgeeffekten, wie Abbau der Anlagen, Entsorgungskosten und der Bewertung der verlorenen Arbeitsplätze. Die Bewertung wurde streng nach den Guidelines der ECHA durchgeführt, um hier eine vergleichbare Basis zu haben.

Ein besonderer Fokus lag allerdings auf dem sogenannten „Wider Economic Impact“. Die Folgen in den nachgelagerten Lieferketten eines Beschichtungsunternehmens. Die Folgen, die unsere Kunden am Ende zu spüren bekommen. Verlagerungskosten, Qualifizierungskosten von nichteuropäischen Lieferanten, Transport und im schlimmsten Fall Versorgungsengpässe, Verlust von Marktanteilen und das Abwandern von ganzen Lieferketten in nichteuropäische Wirtschaftsräume.

Hierzu haben wir die Unterstützungsschreiben ausgewertet, die unsere Antragsteller im Zuge der Autorisierung von Cr(VI) von Ihren Kunden erhalten haben. Die Kosten gehen dabei von einer 18monatigen Produktionstops eines Weltmarktführer, bis zum Abbau ganzer Standorte und der Verlagerung in die Schweiz. In einem Beispiel hat ein renommiertes Unternehmen gerade über 100 Mio. € an einem Standort und Deutschland investiert, die sich im Falle des Non-Use als eklatante Fehlinvestion bezeichnet werden könnten.

Dies Kosten addieren sich auf über 80 % der sozio-ökonomischen Gesamtkosten.

Verantwortungsvolle Industriepolitik darf vor diesen Effekten nicht die Augen verschließen. Zumal das Funktionieren und Fördern des europäischen Binnenmarktes und der Lieferketten eines der drei erklärten Ziele der REACh-Verordnung ist.

Was passiert, wenn man die höheren Kosten ansetzt?

Werden dann alle Szenarien des Beschränkungsentwurfs obsolet?

Ja und nein.

Wir haben bereits mehrfach betont, dass es in dieser Frage auch Zwischentöne gibt. Nicht alles kann in einer Gesellschaft in Euro ausgedrückt werden. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Beschränkung im Vergleich zur Autorisierung die praktikablere Form der Regulierung ist. Mit Blick auf den höheren Schutz der Mitarbeiter und der Umwelt kann man Szenarien, wie R01 und A01, trotzdem befürworten. Die Werte der Hapoc Datenbank zeigen, dass dies von den Betrieben, des Vecco gut darstellbar ist. Das Non-Use Szenario bleibt für Beschichtungsunternehmen in diesem Fall ein theoretisches Szenario.

Auch die Einführung des Maxiumum Release Factors MRF, wie er im Szenario A05 beschrieben ist, vom Grundansatz positiv für größere Beschichtungsunternehmen einzuordnen.

Die Cr(VI)-Regulierung ist deshalb längst nicht nur eine Frage von Chemikalienrecht und Arbeitsschutz. Sie ist längst eine industriepolitische Entscheidung der Gesellschaft geworden.

Was für eine Art von Wirtschaft wollen wir in Europa in Zukunft haben?

Jetzt sind wir gespannt, was es am Ende wird.

Matthias Enseling